Rückblick 2: Von Joensuu nach Kajaani

Mein Zug ratterte durch die finnische Landschaft. See. Wald. Am Himmel zwei Wolken, die wie küssende Fische aussahen. Um die Herberge zu sparen, wollte ich bei zwei Mädels vom Hospitality-Club übernachten. Allerdings fuhr vom Bahnhof in Kajaani kein Bus zu ihnen. Kein Problem, an sich. Ich lauf ja ganz gerne, eigentlich. Hätte ich nur nicht so viel Gepäck gehabt. Und hätte das nicht bedeutet, damit vier Kilometer bergauf und bergab zu laufen. Tapfer versuchte ich, an all die wunderbaren Muskeln zu denken, die ich nach diesem Auslandssemester haben würde. Leider allerdings war etwas an Clementine, wie ich meinen verhassten Koffer getauft habe, nicht in Ordnung, so dass sie alle paar Meter von ihren Rollen auf die rechte Seite fiel. Sie sah ohnehin aus wie eine kalbende Kuh und war nun auch noch dreckig, da sie große Treffsicherheit bei den Pfützen bewies. Grandios.
Am Abend kam zufällig eine Horde österreichischer und deutscher BWL-Stundenten vorbei, auch alle Erasmus. Dreien der BWL-Mädels war auf dem Weg nach Finnland ihr gesamtes Gepäck gestohlen worden (obenauf ein überdimensionierter lila Vibrator, angeblich ein Spaßgeschenk). Ihr daraus resultierender Mangel an Kleidung verhinderte aber nicht endlose Gespräche um Klamotten, Taschen und Schuhe. Der BWL-Himmel hatte mich eingelullt. Um nicht einzunicken, habe ich beschlossen, dass ihr pinkes Radio dringend einen Namen braucht. Nun heißt es Schakkeline. Und der Name war nicht meine Idee. Aber er passte. Eigentlich auch als Abendmotto.

Wenn der Heilige Erasmus nicht tot wäre…würde ich…

Der Heilige Erasmus hasst mich. Vergiss einfach, was du jemals über finnische Unis gehört haben solltest. Über Organisation. Über Struktur. Vergiss es. Uni ist hier wie vielleicht überall auf der Welt. Kein flauschiges Luxusleben, bei dem man als Student in Watte gepackt und gehätschelt wird. Mein gestriger Tag (der nach der Deckenlampe nicht so gut weiterging), ließ mich zu dem Schluss kommen, dass Erasmus mich hasst. Irgendwie. Jedenfalls sind es überproportional häufig meine Dokumente, die im Nirvana der Uni verschwinden: Als ich ankam, war zunächst mein Learning Agreement unauffindbar; ein Formular, auf dem die Unis Münster und Turku bestätigen, dass ich meine Kurse belegen kann. Immerhin hatte ich vorsichtshalber noch in Münster eine Kopie gemacht, nur zur Sicherheit. Das Original ist bis heute nicht aufgetaucht.

Gestern: Festgestellt, dass an der Abo, der zweiten Uni an der ich hier studiere, die Martikelnummern für Sozialwissenschaften – also auch meine – an einer gesonderten Stelle ausgegeben werden. Mich dorthin begeben. Mich einschreiben wollen. Eine Frau vor mir gehabt mit einem Stapel Papiere von der Turku-Uni mit Unterlagen aller Studenten – von meinen mal abgesehen. Nach vielen Telefonaten stellten sie fest, keine Kopie meiner Unterlagen von der UTU (meiner Hauptuni) bekommen zu haben. Also haben sie mich wieder weggeschickt, um an meiner Hauptuni die entsprechende Kopie anzufordern („we do not know where, it must be somewhere in your university“). Nach einigem Suchen habe ich tatsächlich die dafür zuständige Stelle gefunden. Dort entdeckten sie sogar meine Kopie, die sie schlicht vergessen hatten, an die Abo weiterzuleiten. Bin dann mit Kopie zur Abo geradelt. Leider kam ich nicht mehr rein, da die Türen, die zuvor offen standen, trotz Öffnungszeiten verschlossen waren. Bin dann mit einem Handwerker in die Uni gelangt. Hab brav die geforderte Kopie abgegeben – um zu hören zu bekommen, dass es so aber nicht ginge, die müsse zunächst zum International Office, um von dort dann an die Sozialwissenschaft weitergeleitet zu werden, die mir dann letztlich meine Matrikelnummer geben würden. Über Mord nachgedacht. Gedanken fallen gelassen.
Später wollte ich Bücher für meine Kurs an der Abo in der entsprechenden Bibliothek ausleihen. Zumal es an der UTU hieß, die Büchereikarte gelte auf jeden Fall auch für Abo. Fast überrascht es nicht: Natürlich nicht. Habe dann eine neue Büchereikarte für die Abo beantragt und meine Bücher sogar im schwedischsprachigen Suchkatalog gefunden. Aber: Keine Ahnung gehabt, wo sie stehen. Habe also das Bibliothekspersonal gefragt, die sehr verwirrt waren und mir sagten, sie würden den Suchkatalog hassen, da er zu schwierig und kompliziert sei. Schließlich haben sie herausgefunden, wo meine Bücher stehen – aber zwei Minuten vor Schließung der entsprechenden Stelle.
Frustriert ohne Matrikelnummer und ohne Bücher nach Hause geradelt. Alle paar Meter „Why me?“ fragend. Herrje.

Dreistigkeit siegt

Ich habe das nie für mein Leitprinzip gehalten. Aber manchmal funktioniert es einfach so wunderbar. Zum Beispiel als ich eine Liste über Defekte für die Wohnheimverwaltung ausfüllte und neben dem kaputten Fenster auch noch die fehlende Deckenlampe anmerkte. Aus meiner Decke ragen nämlich nur zwei Kabel auf einer weissen Scheibe, was in etwa so aussieht, als hätte jemand dort ein Schwein eingemauert, das nun traurig seine Nase aus der Decke steckt.
Heute Morgen kam prompt ein Handwerker, der nur Finnisch sprach und zielstrebig mein Fenster ansteuern wollte. Nach geglückter Reparatur wollte er gehen, doch ich zeigte an die Decke und betonte „Minulla ei ole lamppua“ – „Ich habe keine Lampe.“ Natürlich wusste ich wie er, dass in der Hausbeschreibung stand, dass ich mich um die Deckenlampe selbst kümmern muss. Warum meine Mitbewohnerinnen trotzdem eine hatten, weiß ich nicht. Aber eine Lampe anzuschließen hätte ich mich gar nicht getraut aus Angst, ein Kabel falsch einzustöpseln und dabei zu sterben. Oder so. Jedenfalls sah der Gute irgendwann ein, dass er mich nicht überzeugen konnte und verschwand wortlos. Seinen Werkzeugkasten hatte er immerhin da gelassen, also würde er wiederkommen müssen. Und tatsächlich. Eine halbe Stunde später stand er schnaufend mit einer Lampe vor mir, die er noch schnaufender anbrachte, nachdem er schnaufend eine Bank auf der Küche in mein Zimmer getragen hatte, um sich schnaufend darauf zu stellen: Nun habe kein Schwein mehr in der Decke, sondern eine kleine Lampe. Das Plink-Plink, mit dem sie angeht, klingt allerdings ein wenig wie das Zauberspruchgeräusch von Bibi Blocksberg.

Rückblick1: Abschied von Joensuu

Kaum angekommen, schon heißt es weiterziehen. Mich zieht es ganz gewaltig und zwar in den Norden; der Sprachkurs ist beendet und in einer Woche wird es nach Turku gehen. Nahezu alle Abschiede liegen hinter mir, nur wenige fehlen noch. Auf Wiedersehen Hukanhauta (=Wolfsgrab, mein Wohnheim). Auf Wiedersehen Lena, du braves rotes Fahrrad. Mein Modem habe ich an eine Japanerin verkaufen können, die sich mehrfach tiefst vor mir verbeugte. Es fühlte sich an, als hätte ich ihr das Leben gerettet mit dem Modem. Dass ich die Anleitung versehentlich in mein Gepäck gesteckt hatte, habe ich allerdings erst eine gute Woche später in Turku bemerkt…
Der Weg zum Bahnhof war schwierig, da ich mir in den Kopf gesetzt hatte, mein Gepäck auf dem Rad zu transportieren. Tobias hatte versprochen mir zu helfen, doch obwohl sein und mein Rad schwerst beladen waren, bekamen wir nicht alles mit. Zum Glück stieß Adam zu uns, der ohnehin gerade in die Stadt radeln wollte. So war es kein Problem mehr. Es sah aber eher so aus, als würden sie umziehen, da sie sich in den Kopf gesetzt hatten, einen Großteil meines Krams zu transportieren und ich so nur Adams Rucksack und meinen Schlafsack tragen musste… :)
Als wir losradelten, fing es natürlich an zu regen und stürmen, kalt war es auch. Aber dadurch hat sich für mich der Kreis geschlossen, denn immerhin war das gleiche Wetter, als ich in Joensuu ankam.

Im Zug nach Kajaani – mein Zwischenhalt auf dem Weg nach Rovaniemi – habe ich eine Tutorin aus meinem Sprachkurs getroffen. Was insofern praktisch war, da wir alle in Pieksämäki umsteigen mussten und sie ihren Freund gezwungen hat, mir meinen Koffer zu tragen. War schwerst begeistert. Zunächst hatte ich also wenig Last mit meinem Gepäck – was sich aber nicht fortsetzen sollte.
Im Zug war dann endlich einmal Ruhe für all die Erlebnisse, um sich setzen zu können. Endlich durchatmen. Komisch war es schon, Joensuu am Fenster des Zuges vorbeiziehen zu sehen. Vier Wochen habe ich dort verbracht und eine unglaublich intensive Zeit erlebt.

Internet

Endlich. Internet. Ich bin so unendlich dankbar. Denn mein Wohnheim hier liegt etwas sehr weit abseits vom Schuss. Und ich habe fast zwei Wochen keinen Kontakt zur Außenwelt gehabt: Kein Internet. Kein Fernsehen. Radio, das ich nicht verstehe. Keine deutschen Zeitungen zu bekommen. Endlich, endlich. Und ich staune, wie wenig doch eigentlich passiert ist in der Welt in diesen zwei Wochen.

Jäätelötötterö. Höpö höpö…

Auf den Tag genau vier Wochen bin ich nun in Finnland. Drei unglaublich intensive Wochen Sprachkurs sind vorbei und nun heißt es: Abschied nehmen von Joensuu, Abschied von Nordkarelien. Koffer packen und weiterflattern. Mein Koffer ähnelt schon jetzt einer trächtigen Kuh, dabei habe ich noch nicht mal alles verstaut.
Leider war während des Kurses viel zu wenig Zeit, um all die Erlebnisse aufzuschreiben, aber ich versuche es nachzuholen. Es war eine sehr intensive Zeit mit vielen neuen Erfahrungen, die sich kaum in ein paar Sätzen niederringen lässt. Ich habe viele tolle Menschen getroffen, tolle finnische Wörter gelernt und neue Lieblingswörter, so zum Beispiel höpö höpö (Unsinn) und jäätelötötterö (Eistüte).

Ich ringe noch immer nach Worten, um all die Erlebnisse einfangen zu können. Mittlerweile war ich auf zwei Partys, die von einem Polizeieinsatz flankiert waren. Hier treffen jetzt massig neue Erasmusstudenten ein und es sind eine Menge Deutsche darunter. Ich kann gar nicht genau sagen warum, aber ein wenig nervt das. Weil ich gestern keine Lust mehr auf Deutsche hatte, habe ich mir eine ungarische Identität gebastelt, von K. ein paar ungarische Wörter gelernt und immer wieder gesagt „Ichchch spreechä ein bißßßchen deutch“, was sehr gut ankam, bis später meine Tarnung aufgeflogen ist: B. brachte einer Spanierin ein paar deutsche Worte bei und als sie mich begeistert anzwinkerte und sagte „Ich abe einen tierrrichen Katerrr“, war ich so begeistert, dass ich deutsch geredet habe – und der Typ neben mir sagte „Toll, du bist ja Deutsche, ich dachte, du sprichst gar kein Deutsch“, woraufhin ich die nächste halbe Stunde keine Ruhe und anschließend einen großen deutschen Blumenkohl aus meinem Ohr ragen hatte.

Letzte Woche war ich auf einer Wohnheimparty, bei der – Überraschung – die Polizei auf der Matte stand. Zum Glück war eine Finnin unter uns, die den Polizisten erzählte, wir würden nicht bleiben, sondern in die Stadt in eine Bar gehen. Leider waren wir aber anscheinend nicht bedeutend leiser (könnte mit der großen Zahl Spanier zusammenhängen), so dass es eine Viertelstunde später an die Tür hämmerte und Securityleute davor standen, um die Party zu räumen. Wir haben uns so gut wie möglich versteckt und waren diesmal wirklich still. K., bei dem die Party war, ging zur Tür und sprach Polnisch, woraufhin die Security verwirrt zunächst verschwand. Die Zeit haben wir genutzt, um zu flüchten. Wir brauchten einen neuen Platz und sind an den Pielisjoki, den Fluss hier, gegangen, wo einige sich auf einen Steg setzen wollten. Leider waren sie zu schwer und der Steg versank gluckernd im Wasser. Da Leena, mein rotes Rad, keinen Ständer hat, musste ich erst einen Baum suchen, an dem ich sie parken konnte, was mich gerettet hat, da ich noch nicht am Steg war. In den umliegenden Gebüschen vollzogen sich indes allerlei Erasmus-typische Heimlichkeiten und manch einer wähnte dort seine große Liebe – Halbwertszeit von maximal zwei Stunden inbegriffen. Ich begann mich spätestens zu wundern, als M. mich aus dem Dunkeln ansprang, während ich mitten in einem Gespräch war, mich umarmte und begeistert rief: „I want to get pregnant from you“, ihren geschlechtlichen Irrtum bemerkte, mich verwirrt ansah und wieder im Gebüsch verschwand.
Nachts fiel E. dann noch komplett in den Fluss, da I. ihr sagte: „Look, do you see the water? Just walk in!“ Und es war richtig kalt, unser Atem war in der Nacht sichtbar. Irgendwann fuhren wir zurück zu unserem Wohnheim nach Hukanhauta, was aber noch mal 35 Minuten Fahrradfahrt bedeutete. Als ich ankam, waren meine Finger steif gefroren: Der Herbst ist da. Gestern Nacht habe ich eine Schneeballschlacht gemacht, aber, um ehrlich zu sein: Der Schnee stammte aus der Eissporthalle.
Am nächsten Morgen jedenfalls waren wir viel zu spät in der Uni, was aber nicht an der Party lag: Eigentlich wären wir pünktlich gewesen, aber S., die bei mir um die Ecke wohnt, musste unbedingt mit ihrem Rad so wuchtig gegen ein Verkehrsschild fahren, dass sie einen Krankenwagen brauchte und direkt ins Krankenhaus verfrachtet wurde… Abenteuerliche Zeiten, mir war nie langweilig hier.

In der nächsten Woche werde ich ein wenig durch Finnland reisen: Montag geht es nach Kajaani, Dienstag bin ich in Lappland (Rovaniemi) und werde den Weihnachtsmann besuchen, Donnerstag mache ich einen Abstecher nach Oulu und Freitag geht es dann schließlich nach Turku. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Alles wird wieder neu sein, sicherlich chaotisch (Erasmus = Chaos, die Gleichung ist nicht anders aufzulösen), aber auch spannend. In Turku habe ich nicht sofort einen Internetanschluss, sondern das kann zwei Wochen dauern. Aber ich werde auf jeden Fall zwischendurch immer wieder nach meinen Mails schauen und mich hier soweit möglich zu Wort melden.

Mein erstes Mal…

Erste Male sind oft mit Unsicherheit verbunden, das ist keine neue Erkenntnis. Ich hatte bei meinem ersten Mal nicht nur schweißnasse Finger. Mein ganzer Körper wand sich in Schweiß. Womöglich hing das aber auch damit zusammen, dass es sich um mein erstes Mal Sauna handelte. Ich hockte in der Hitze mit 10 anderen Leuten in dem kleinen Holzkasten. In der Uni. Die Finnen haben eigentlich überall Saunas. Auch in meinem Wohnheim gibt es eine, die man einmal die Woche für zwei Stunde gratis benutzen darf. Bislang habe ich mich nicht getraut, da ich mich fragte, wie man das denn wohl so macht, in die Sauna gehen. Mir schwirrten Fragen durch den Kopf wie: Gehe ich nackt? Aber vielleicht geht man im Wohnheim nicht nackt. Wie lange bleibe ich da drin? Gehe ich nur einmal rein oder kehrt man nach dem Duschen zurück? Und dusche ich vorher warm oder kalt? Und sowieso, vertrage ich so eine Hitze überhaupt? Wo ich doch oft schon mit heißen Sommertagen kämpfe.
Es war gut. Und das Gefühl danach war unglaublich. Eigentlich schlagen die Finnen ein Loch ins Eis, in das sie dann springen oder wälzen sich splitternackt im Schnee. Aber Schneeberge gibt es zurzeit nur an der Eissporthalle und die war zu weit, um dort nackt hinzulaufen. So verrückt sind selbst die Finnen nicht. Vor allem stelle ich nach meinem ersten Mal fest: Ich will auch eine Sauna in der Uni in Deutschland. Sofort. Und ich möchte bitte weiterhin finnische Trinklieder lernen, wenn ich in die Sauna gehe.

Lapin Kulta, Lapin Kulta,
Karjala, Karjala,
Sininen ja Olvi, Sininen ja Olvi,
Koff, Koff, Koff,
Koff, Koff, Koff.
(Meloldie: Bruder Jakob. Es handelt sich um finnische Biersorten.)

Art of Dogshit

Mein Finnischlehrer hat ein integriertes Hundehaufen-Fußradarsystem. Gestank legte sich über die hiesige Kleinstadt, als er mit seiner Sandale einen gigantischen Hundehaufen breittrat. Ein bisschen frustriert war er schon wegen der braunen Spuren im Sandalenprofil. Verständlich, wenn man bedenkt, dass ihm so etwas häufiger passiert. Hundehaufen breitzutreten ist für ihn sein ganz persönliches Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Trauma. Oder, um es in seinen eigenen Worten zu sagen: „Its always just the same. Put a dop-pooh anywhere and I will find it.“ Unerwarteter Trost kam von spanischer Seite: “In Spain we say: If you step into a dog-poop, this will be your lucky day.” Unbeantwortet allerdings blieb die Frage, ob das auch für alle gilt, die dem Geruch ausgeliefert sind.

Passbilder auf Finnisch

Die Finnen stehen auf mich. Eigentlich stehen sie auf Bilder von mir. Oder, um bei der Wahrheit zu bleiben, sie stehen auf meine Passbilder. Oder: Auf Passbilder jeglicher Person. Fast jedes Formular erfordert eines der kleinen Bildchen.
Einer der größten Mängel, die ich gerade erleide, ist ein Mangel an Passbildern. Schließlich gibt es weitere Formulare, die mir „ja Baby, gibs mir, kleb dein Gesicht auf mich“ zurufen. Bin also in einen finnischen Fotoladen gestiefelt und habe in radebrechendem Finnisch nach Passbildern gefragt. An den Wänden des urigen Raumes hingen hässliche Bilder von blassen Menschen in unpassenden Bilderrahmen. Ich konnte nur mutmaßen, dass die Fotografen sich darauf spezialisiert hatten, kranke Menschen abzulichten. Gedanken verdrängt, da einzig mir bekannter Fotoladen in Joensuu.
In ein winziges Kämmmerlein geführt worden. Dort auf einem winzigen Stühlchen Platz genommen (gefühlte 15 Zentimeter hoch). Vor mir die Kamera. Die Frau drückte mir eine silbrig beschichtete Platte in die Hand (1,50m x 1,20m), die ich auf Brusthöhe waagrecht vor meinen Körper halten musste. Kein Studioblitz. Irgendwie muss man ja Licht auf mich bekommen. Ein verkrampftes Lächeln ziert mein Gesicht auf den Bildern, da ich ja mit ausgebreiteten Armen gleichzeitig die Platte vor meiner Brust halten muss.
Als die Kassenfotofrau sie mir in die Hand drückte, beugte sich ein Hutzelweib über die Bilder und über mich brach ein finnischer Wortschwall herein. Ich konnte nur entgegen „anteeksi, minä puhun vain vähän suomea – Entschuldigung, ich spreche nur sehr wenig Finnisch“. Darauf fragte sie, welche Sprachen ich spräche und begann plötzlich, in kratzigem Deutsch mit mir zu reden. „Schöne Bilder. Ich habe immer Schlitzaugen und den Mund offen auf Bildern. Das ist sehr intelligent.“ Immerhin. Aber ich werde den Verdacht nicht los, dass sie mich ob der seltsamen Bildern trösten wollte.

In China essen sie Hunde…

…nicht so in Finnland. Als beliebt in diesen Breitengeraden erweisen sich Raubtierexkremente zum Kaffee.

Tigerkaka